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Interview mit Marek Klingelstein von der USK

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Autor: PortableGaming-Redaktion

Kategorie: interviews
Umfang: 1 Seiten

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Game Boy Advance Artikel vom 06.07.2005





Interview mit Marek Klingelstein von der USK

PlanetGameboy.de: Hallo Marek - eingangs könnten Sie sich bitte den Lesern vorstellen? Was ist deine Rolle bei der USK? Wie sieht der Arbeitsalltag aus?


Marek Klingelstein: Für die Zukunft, ich bin ein Duz-Mensch ;-)


Ich bin Marek Klingelstein, hieß bis letzte Woche noch Marek Brunner, bin 29, frisch verheiratet, habe zwei Kinder und habe den besten Job der Welt ;-)


Ich bin Diplommedieninformatiker (Dipl.Arbeit Havok), habe ein halbjähriges Praktikum bei Nintendo hinter mir und arbeite nebenbei noch für die Stiftung Warentest. In den ersten Jahren verteidigte ich USK-getestete Spiele wie Chaos Overlords, Burntime oder Command & Conquer vor der BPjM und führte ihnen diese Spiele im Auftrag des Distributors vor.


Ich bin seit 1994 (seit Anbeginn der USK) Sichter und Spieletester, habe ungefähr 8000 Spiele gespielt, davon inzwischen fast 2000 bis zum Ende. Seit 2003 arbeite ich fest in der USK, ein Teil der Arbeit muss aber auch mit nach Hause. Zuhause ist wenig Platz, ein Dutzend Konsolen und knapp 800 Spiele besitze ich privat, alles Originale, bin halt ein echter Fan.


Arbeitsalltag & USK-Arbeitsweise:


Sämtliche eintreffende Software wird in der Datenbank erfasst, momentan sind das – Augenblick mal… - 13432 Titel. Die Daten kommen auf CDs, DVDs, Cartridges, teilweise in Notfällen & aus Sicherheitsgründen auch via FTP.


Bei Nintendo hängt aus Sicherheitsgründen zum Beispiel immer auch ein Mitarbeiter an der Konsole dran, der dann vor Ort vorführt sein Spiel im Auge behält. Dies geht nur ausnahmsweise, nur bei „kleineren“ Titeln mit einer avisierten Einstufung 0-6 Jahre, HL² würden wir nie vorführen lassen, zu hoch ist das Risiko, dass wir etwas nicht gesehen haben. Es geht dabei nicht um Misstrauen dem Anbieter gegenüber, es ist lediglich eine Sicherheitsmaßnahme, alles selbst aus eigener Hand gesehen zu haben, zudem wissen nur wir Sichter, was die Gutachter wie gewichtet sehen wollen. Frühere Anbieterpräsentationen arteten immer in PR-Arbeit aus.


Alle Titel werden auf PCs, Betakits, AlphaKits (360…) und Handhelds getestet, sind sie lauffähig werden sie einem Prüftag und (bei komplexeren Spielen) einem Sichter zugeteilt. Um schnellen „in-house“-Zugriff auf die kontroversesten Entscheidungen zu haben, bleiben diese Titel meist bei mir, zwei Studenten (Sichter seit 1998 / 2003) machen den Rest, einige weitere Spielsüchtige warten auf Großeinsätze wie Weihnachten & GC.


Spiele wie Schach, Management, Sport, Racer, Geschicklichkeitsspiele, Gesellschaftsspiele werden nicht durchgespielt, komplexe Vertreter aller Genre und Standardgenres wie Shooter, Strategie, Simulationen, RPGs müssen komplett bis zum Ende durchgespielt werden, dazu später mehr. Dazu haben wir Sichter im Schnitt eine Woche Zeit, schreiben einen begleitenden Text, bekommen ab und zu auch Handbücher und in seltenen Fällen Walkthroughs & Cheats. Cheats aber (so gern wir sie nehmen würden) verändern den Spieleindruck, wir müssen uns trotzdem komplett durchs Spiel arbeiten, schließlich bringt ein Levelcheat nix, wenn hinter der nächsten Tür das Hakenkreuz gewartet hätte. Waffencheats und Godmode sind uns viel lieber, die benutzen wir aber auch während der Prüfung nur kurz zu Anschauungszwecken ;-)


Zwei Tage in der Woche werden Normale-Prüfungen durchgeführt, Titel, die erstmals den deutschen Markt betreten, also die üblichen Top10. Ein „Tag“ ist für Coverdisks reserviert, ungefähr 3-6 Zeitschriften müssen wir pro Woche durchhecheln. Ein weiterer Tag (komplett, zu Recht ohne Anführungszeichen) ist für IDs gedacht, Konvertierungen, Add-Ons, neue Flugzeuge für den FS2004, Spielesammlungen und so weiter schlucken Zeit.


PlanetGameboy.de:Wie ist das Gremium genau aufgebaut? Viele Spieler glauben ja, dass es aus Leuten um die 50 aufgebaut ist, die keinen richtigen Bezug zu Videospielen haben und sich auch nicht damit auskennen.


Marek Klingelstein: Die USK besitzt einen Pool von 50 Gutachtern aus ganz Deutschland. Bedingungen sind zumindest rudimentäre Kenntnisse der Computerspieleszene, Englischkenntnisse und der Umgang mit Kindern. Unter den Gutachtern (von 25-58 Jahren) sind Lehrer, Sozialarbeiter, Jugendhelfer, Projektarbeiter, Dozenten, Medien-Pädagogen, kirchliche Vertreter und so weiter. Wer Computerspiele hasst, kann kein USK-Gutachter werden, es wäre unmöglich, wenn wir jedes Mal erneut über Krieg als Spielkonzept diskutieren müssten. 60% der Gutachter spielen selbst, das USK-Archiv mit allen geprüften Titeln steht ihnen offen. Sämtliche Konsolen verfügen über Funk-Controller, so dass MP-Partien, KoOp-Ballereien und (virtuelle) Prügeleinlagen zwischen Sichter & Gutachtern möglich sind.


Seit dem neuen JuSchG besteht ein Gremium aus vier Gutachtern und dem Ständigen Vertreter. Dieser hat ein Vetorecht, ansonsten werden Mehrheitsentscheidungen getroffen.


PlanetGameboy.de: Werden bei der Findung einer Altersempfehlung zu einem Spiel immer nur strikte Kriterien angewandt oder spielen auch die persönlichen Empfindungen der Tester eine Rolle?


Marek Klingelstein: Es gibt einen groben Kriterienkatalog, der auch unter www.usk.de einzusehen ist, eine Pegi-Checkliste gibt es aber nicht, zu starr und unmenschlich wäre dieses System, mit dem sich Spielatmosphäre zum Beispiel nicht erfassen lässt. Ansonsten ziehen die Gutachter ihre eigenen Erfahrungen mit Kindern und Jugendlichen zu Rate, die Mehrheitsentscheidungen sollten persönliche Probleme mit bestimmten Genres (Burnout Takedown wirklich für 12?) abfangen.


Persönliche Empfindungen spielen natürlich eine Rolle, es gibt keine Selbstbindung bei der USK. Wir machen uns allerdings nicht von Tagespolitik abhängig, wie die Entscheidungen zu C&C-Generals, HL², Mortal Kombat und Doom3 zeigen.


Ist der Anbieter unzufrieden mit dem erteilten Kennzeichen kann er Berufung einlegen, ist der StVert unzufrieden mit den Gutachtern kann er ein Veto einlegen, zwei Seiten beäugen also die gutachterliche Entscheidung. In jedem Fall nimmt sich dann ein komplett anderes Gremium noch einmal den Titel vor und versucht, die Argumente des letzten Gremiums nachzuvollziehen.


PlanetGameboy.de: Bei manchen Spielen (insbesondere wenn es um eine Altersfreigabe "ab 16 Jahren" oder "Keine Jugendfreigabe") geht, kommen unter Spielern vermehrt Streitigkeiten auf. Warum ist Titel XY nun ab 16 und Titel YX ohne Jugendfreigabe? Gibt es solche Diskussionsfälle auch bei euch?


Marek Klingelstein: Solche Diskussionsfälle werden meist von Anbieterseite losgetreten, um ein bestimmtes Kennzeichen zu erreichen. Das ist legitim, ein zielgruppenfernes Kennzeichen ist ein echter Wettbewerbsnachteil, ein Vergleich mit der Konkurrenz nur logisch. Dennoch muss jedes Spiel für sich bewertet werden, schon kleinste Features (der DJ in Burnout, Sniper in RB6 oder Sprüche in Full Spectrum Warrior) können eine typische Genre-Entscheidung kippen.


PlanetGameboy.de: Bekommt ein Spiel von euch das Prädikat "Keine Jugendfreigabe" - wie geht es dann mit dem Spiel weiter? Muss ein Indizierungsantrag gestellt werden, welche Gremien durchläuft das Spiel weiterhin oder wie gestaltet sich der weitere Weg eines solches Spieles, bevor es eventuell in den freien Verkauf kommen kann?


Marek Klingelstein: Keine Jugendfreigabe ist eine echte Marktbeschränkung, aber dennoch ein Kennzeichen, das Spiel kann nicht indiziert werden. Dies geht nur bei ungeprüften und somit nicht gekennzeichneten Titeln. Die USK kann aber auch „aktiv“ Keine Kennzeichnung aussprechen und den Distributor auf das Indizierungsrisiko hinweisen. Denn in erster Instanz muss die USK die Ind.Kriterien der BPjM abklopfen, erst danach dürfen wir selbst frei ein Rating vergeben.


KJ. Bedeutet zum Beispiel, dass der Titel nicht über Amazon verschickt wird, das Post-Ident-Verfahren ist amazon zu aufwändig. Der Titel kann aber ganz normal im Regal stehen und beworben werden, darf aber nur an 18+ verkauft werden. Eigentlich gilt das rückwirkend für alle ungekennzeichneten Spiele, somit dürften auch Rugby-Importversionen oder das ungeprüfte GameBoy-Tetris nur ab 18 verkauft werden… . Aber wir tingeln bestimmt nicht über die Wochenmärkte und schauen nach… .


PlanetGameboy.de: Bekommen Publisher die Möglichkeit "vorzusprechen", d.h. schon bei der Entwicklung Fragen zur Alterseinstufung zu stellen?


Marek Klingelstein: Ja, es gibt die Möglichkeit einer Vorabprüfung, einige Titel sehen wir drei- oder gar viermal im Verlaufe des Entstehungsprozesses. Für Programmierer ist es einfacher, gleich während des Prog.Prozesses Sachen zu verändern oder zu entschärfen, um ein bestimmtes Rating zu erhalten, Schnittauflagen gibt es bei der USK aber nicht, allerdings kann man natürlich aus dem Gutachten die Gründe und Elemente ablesen, die zu einer bestimmten Entscheidung geführt haben. Doch auch danach besteht noch ein Risiko, neue Gutachtergremien bekommen nur die neue Variante des Spieles zu sehen, jedes Spiel wird absolut gerated um nicht Aussagen wie „Mensch, die haben soo viel verändert, geben wir ihnen doch die 16….“ zu erhalten.


Die USK schaut sich außerdem kurze Gameplayclips zu Spielen an, ich versuche mir dabei ein Gameplay-Feeling zu erarbeiten, dann teilen wir dem Anbieter unseren ersten Eindruck mit. Der ist nicht bindend, schließlich können wir nicht fürs finale Spiel oder die Gutachter entscheiden, aber ein guter Trend ist es allemal.


PlanetGameboy.de: Wie werden die Spiele getestet? Spielt ihr alle Spiele bis zum Ende durch? Immerhin könnte sich ja auch ein harmloser Tetrisklon im späteren Spielverlauf zu einem blutigen Schlachtfest entwickeln. Und wie ist das mit wirklich langen Spielen wie z.B. Baldur's Gate II?

Und spielen alle Mitglieder des Gremiums das Spiel?


Marek Klingelstein: Tetrisclones werden uns sicher mal auf die Füße fallen, schwule Pärchen in Sim Copter, geheime Botschaften in Falcon 4.0, wenn uns jemand verarschen will, ginge das sicher, für EasterEggs ist ja genug Platz. Insofern können wir Spiele nur oberflächlich spielen, wir hacken keine Registries, deaktivieren aber natürlich Parental Locks ;-) Auch die Girls-Karten in Metal Gear Ac!d hätten wir nie alle gefunden, aber den Anbieter hat immer ein Interesse daran, dass ihm das Spiel nicht auf die Füße fällt, es ist ja Gesunder Menschenverstand einzusehen, dass man nicht alles sehen kann. Aber alles was wir sehen können, müssen wir sehen, ja, jedes komplexere Spiel ist durchzuspielen (Tales of Symphonia 62 Stunden ist mein Rekordhalter), bei RPGs spielen wir aber zum Beispiel nur eine (die düsterste) Charakterklasse durch und spielen die anderen Rassen an. Gerade bei MMORPGs ist das Ganze ja irgendwann nicht mehr überschaubar, deshalb gilt auch hier „content may change during online gameplay“, aber der Grundcharakter des Spieles, das Gesamt-Erscheinungsbild zählt eben immer mehr als einige Gewaltspitzen.


PlanetGameboy.de: Einige Spiele, vor allem aus dem Taktikshooter-Genre, "glänzen" ja durch enormen Militarismus und US-Patriotismus. Wird so was auch in die Alterseinstufung mit einbezogen oder zählt nur die Gewaltanwendung?


Marek Klingelstein: Nein, politische Ansichten und Weltdarstellungen spielen schon eine Rolle, Gewalt in Spiel muss ja (für eine Alterseinstufung) irgendwie gerechtfertigt werden: Prinzessin entführt, Vater vermisst oder Kuba überfallen, der Grund für Gewalt muss sichtbar sein und stringent durchgehalten werden. Oftmals wirken US-Spiele aber in ihrem Patriotismus schon wieder so lächerlich, dass wir 16-Jährigen schon eine differenziertere Weltsicht zutrauen, wohingegen technikverliebte 12-Jährige da schon eher Probleme hätten.


PlanetGameboy.de: Bei Internetdiskussionen zum Thema wird oft die Meinung geäußert, dass es nur Sache der Eltern ist zu entscheiden was ihr Kind spielt oder nicht. Wie sehen sie das? Darf der Staat überhaupt so was per Gesetz regeln?


Marek Klingelstein: Jugendschutz endet an der Haustür, gilt nur für den Öffentlichen Raum, Eltern kennen ihre Kinder besser, wir kennen die Spiele besser, erst gemeinsam kann das funktionieren. Sonst würden wir sagen, dass alle 15-Jährigen gleich geprägt, gleich gefährdet und somit schon fast gleich geschaltet seien, das ist definitiv nicht der Fall, wenn Eltern mit den Kindern spielen, ihnen Fakten und Hintergründe erklären, praktisch das Spiel lesen lernen und auch die Lesefähigkeit der Kinder für sich erlernen, DAS WÄRE KLASSE!


PlanetGameboy.de: Wenn wir mal ehrlich sind, kommen viele Jugendliche auch an Spiele mit einer höheren Alterseinstufung heran. Ob er es einfach in so vielen Läden versucht, bis es klappt oder der große Bruder das Spiel kauft oder gleich die Raubkopie vom Schulhof oder aus dem Internet besorgt wird: Es ist kein Problem auch als Jugendlicher an Spiele ab 18 zu kommen. Macht die USK dann eigentlich noch Sinn, wenn die zu schützende Zielgruppe sich nicht schützen lassen will und das ganze einfach umgeht? Sollte man stärker dagegen vorgehen?


Marek Klingelstein: 50´000€ Strafe schrecken inzwischen die meisten Verkäufer ab, Spiele an ungeeignete Gruppen zu verkaufen, aber Raubkopien, Brüder oder (noch einfacher) Internet-Demos sind natürlich Schlupflöcher. Aber wünscht sich wirklich irgendwer noch mehr Jugendschutz?! Dann müsste man schon fast über ein verändertes Staatssystem nachdenken. Diktatur, anyone?


Straßenschilder werden auch nicht abmontiert, weil sich einige nicht an die Regeln halten, man muss die Öffentlichkeit sensibilisieren und Eltern eine Entscheidungshilfe mitgeben.


Mehr Jugendschutz als Deutschland hat kein Land der Welt, mehr sollte auch wirklich nicht nötig sein.


PlanetGameboy.de: In eigentlich allen anderen europäischen Ländern wird das PEGI-System zur Alterseinstufung benutzt, das ja gewisse Vorteile bietet. Und auch sonst wird ja in Europa momentan alles angeglichen. Wieso hat Deutschland sich für ein eigenes System entschieden? Wo liegen die Unterschiede und Vorteile der USK?


Marek Klingelstein: USK-Vorteil: Wir sind schneller, lassen mit uns reden, Anbieternachteil: weiche Kriterien, Titel müssen eingereicht werden, Pegi reicht oftmals ein Video oder die Online-Checkliste des Anbieters. PEGI kann in Deutschland nicht funktionieren, die Strafgesetzparagraphen machen es unmöglich, Hakenkreuze in Spielen sind zum Beispiel weltweit kein Problem, in Deutschland aber verboten. Auch innerhalb der Pegi gibt es Diskussionen, weil die englische Vorgehensweise mit Sex, Drugs & Bad Language eben nicht in allen europäischen Ländern denselben kulturellen Status hat. Jedes Land hat seine Eigenarten und Problemfelder.


Extrembeispiele wie Tony Hawk-Ratings oder Shooter (mein Lieblingsbeispiel: Greg Hastings Tournament Paintball) zeigen Altersgruppendifferenzen, die kaum zu erklären sind, außer eben mit lokalen Befindlichkeiten.


PlanetGameboy.de: Mittlerweile gibt es ja auch viele Flashspiele im Internet, die stellenweise ja auch nicht gerade harmlos sind. Da kann man z.B. den „verrückten Frosch“ quälen oder Prominente verprügeln.
Plant ihr für solche Spiele auch eine Alterseinstufung oder wäre das viel zu viel Aufwand ohne Hoffnung auf Erfolg?


Marek Klingelstein: Onlinespiele? Bloß nicht! Erstens kann man das Internet nicht einmal oberflächlich erfassen, Jugendschutz seitens der USK kann hier nicht funktionieren. Außerdem sieht der Staatsvertrag nur die Zuständigkeit der USK für physische Datenträger vor. Selbst Handyspiele (Splinter Cell, Socom, PoP gibt es ja auch) sindnicht unsere Baustelle, es sei den sie erscheinen als CD-Bundle oder auf N-Gage.


PlanetGameboy.de: Ihr arbeitet ja auch sicherlich nicht für einen feuchten Händedruck. Wer trägt die Kosten für eine Alterseinstufung? Der Publisher? Und wie viel kostet so was durchschnittlich?


Marek Klingelstein: Die Kosten trägt der Anbieter, bei 250-1500 € liegen die Preise, nur epische Spielesammlungen mit erhöhtem Aufwand (Rekord 2630 Spiele aller Genres auf einer DVD…) kosten mehr an Zeit und Geld, das ist in zwei Wochen nicht zu bewerkstelligen.


PlanetGameboy.de: Wie sieht es mit selbst programmierten bzw. allgemein mit Freeware spielen ist. Ich dachte, alle neuen Spiele müssen von der USK geprüft werden, sonst dürfen sie nicht beworben/gezeigt werden (also Leute unter 18 ). Wie viel kostet eine solche Prüfung, bzw. was kostet die Strafe wenn man es nicht macht (wenn z.B. die Spiel gewaltlos (zumindest keine Gewaltverherrlichungen) ist (RPG, Puzzles, Autorennen,...)). Bzw. ist für eine Einzelperson der Aufwand erträglich (Paragraphendschungel) eine solche Prüfung durchführen zulassen und/oder wird gegen solche Leute vorgegangen. Muss man z.B. jetzt sein 7 Jahre altes RPG-Demo nachträglich prüfen lassen nur weil es im Internet zum download angeboten wird?


Marek Klingelstein: Preise siehe oben / Internetthematik siehe oben. Wenn ein Spiel nicht gekennzeichnet ist, kann es dennoch locker beworben oder verkauft werden, allerdings weigern sich einige Märkte (und amazon erst recht) den Titel anzunehmen oder offiziell zu bewerben. Auch haben Sony / Microsoft / Nintendo harte Richtlinien, wenn es um das Approval geht, God of War ist ein gutes Beispiel. Cold Fear ist aber zum Beispiel nicht gekennzeichnet im Laden und kann ganz locker verkauft (natürlich 18+) und beworben werden, Hersteller von Spielen wie Shellshock Nam / Postal 2 / Punisher reichen erst gar nicht bei uns ein sondern sparen sich die Kosten für ein Ergebnis, das sie mit gesundem Menschenverstand eh schon kennen.


PlanetGameboy.de: Durch Sendungen wie Frontal 21 (ZDF) wurde die USK im Laufe der letzten Monate immer wieder in schlechtes Licht gerückt. Durch die USK würden Spiele released, die unter früheren Umständen auf dem Index gelandet wären. Können Sie Stellung dazu nehmen?


Marek Klingelstein: Der Unterschied zwischen Kein Kennzeichen und Indizierung ist nicht mehr so groß wie früher. Das früher doch wirksame Werbeverbot hat sich in Zeiten des Internet fast völlig erledigt, Importe, englische Zeitschriften und kostenlose Demos öffnen weitere Zugänge.


Wir arbeiten eng mit der BPjM zusammen, um ihre Kriterien richtig zu interpretieren, in Zweifelsfällen wird ein „unsicherer“ Titel auf Wunsch der Herstellers der BPjM vorgelegt, damit sie sich selbst ein Bild macht, denn während die USK schon vor Veröffentlichung „zuschlägt“, darf die BPjM ja nur auf dem Markt erhältliche Produkte indizieren, alles andere wäre ja Vorzensur. Wir hatten schon einige Zweifelsfälle, allerdings wollten die Hersteller nie das Risiko eingehen, den Titel schon vorher der BPjM zu zeigen, um nicht deren Aufmerksamkeit zu erregen. Ob das nun Paranoia ist oder Risikovermeidung lässt sich nicht sagen.


PlanetGameboy.de: Wie kommt man dazu bei der USK zu arbeiten? Für Viele ist die Vorstellung den ganzen Tag zu spielen, sicherlich ein Traumjob! (Anm. der Redaktion: Wenn die Leser nur wüssten, was es da draußen alles für Gurken gibt…)


Marek Klingelstein: Ja, die Gurken kommen reichlich, aber die Spielequalität ist insgesamt doch gestiegen, gerade was Lizenzspiele angeht. Das Spielen macht 50% meiner Zeit aus, der Rest ist englische Korrespondenz, das Vor- und Nachbereiten der Sitzungen, IDs, Coverdisks, Gutachten lesen, telefonieren und Interviews geben ;-)


PlanetGameboy.de: Was hälst du vom dem Trend, dass die Grafiken immer realistischer werden und Spiele mit entsprechendne Inhalt ebenso?


Marek Klingelstein: Killzone PS3 & Gears of War zeigen einen Trend: bahnbrechende, innovationsarme Langeweile, Variationen desselben, alten Themas. Willkommen im Massenmarkt heißt hier, es gibt nur noch Krieg, Urban Thugs, EA Sports, Lizenzgames und Racer.


Da ist mir mein Nintendo und Sega schon lieber, tolle Spieleserien, zu gut zum Auslutschen, dazu Rez, Space Channel, Samba de Amigo oder auch andere Firmen mit SOS Desaster, Sega Soccer Slam, Pikmin, Tekki, Project Zero, Ico, Mark of Kri, Boktai, Shadow of Rome, Star Ocean.


Der Realismus treibt Jugendschutz der USK an die Grenzen der FSK, schade dass Programmierer oft nicht verstehen, dass echte Gamer den Hinweis "Fast wie im Kino" eher als Drohung auffassen, es wär schön, wenn die HiTech-Produktionen sich nicht so stark an falschen Vorbildern orientieren sondern auf die echten Vorfahren besinnen. Klar muss es krachen, klar muss Atmosphäre sein, aber wenn jeder Grashalm seinen Schatten wirft, jeder NPC eigene Gesichtszüge hat, dann wird (wie im Film, wie in der Kunst, wie im Brettspiel) wieder das Gameplay & Charaktere oder eine Story im Vordergrund stehen.


(Wenn ich Killzone sehe oder Call of Duty frage ich mich, was und ob Kriegsspiele noch mehr können (müssen). Fußballspiele haben auch fast den Zenit erreicht, Detail- und Lizenzveränderungen, hier KI, da Präsentation, aber mehr kann man nicht ändern. Anderen Genres droht dasselbe, nur noch Makulatur am Bekannten.


Die nächste große Revolution ist eine zweifache: Online und Peripherie, aber nicht aus 3D mach noch mehr 3D.


PlanetGameboy.de: Gibt es etwas was Sie unseren Lesern mitteilen möchten?


Marek Klingelstein: Ja, Spielen ist gut, Spielen macht Spaß, aber:


• Verteufelt nicht den Massenmarkt, ohne ihn ist keine Kohle für „unsere Spiele“ da, kein Anbieter kann nur auf Nintendogs, Rez oder EyeToy setzen, man braucht sichere Bänke

• Bitte, bitte keine Konsolenkriege mehr, wo ist der Sinn?

• Nehmt Frontal21 und andere Berichte ernst, wie kommt jemand auf solchen Schwachsinn, wir müssen unser Hobby erklären wie früher Horrorfreunde, Comicfans oder HeavyMetaltypen ihres. „Weils Spaß macht“, „Weils so schön blutig ist“ sind für Außenstehende keine sehr einleuchtenden Erklärungen.

• Auch wenn es in unseren Kreisen nicht so aussieht, es gibt Hunderttausende von Nichtspielern. Bevor also die Hardcorespielerclique weiter abhebt wie französische Filmliebhaber vs. Hollywood & Mainstream solltet ihr lieber versuchen, euer Hobby zu erklären und Leute mitzunehmen.

• Erinnert euch an das erste Spielgefühl eines jeden Games, nur weil alle sagen, dass EA / Partygames / DS / PSP Müll ist, muss das nicht auf alle Spiele zutreffen (erst spielen alle EyeToy, dann ist es auf einmal blödes Mainstream-Gehüpfe, Fettes Brot hatte mal das passende Lied dazu)

• Get a Life ;-) just kidding


So long, Marek
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