PlanetSwitch Planet3DS PlanetVita PSP.de PlanetiPhone Classics Forum

PGN-ID:[?] (Nicht eingeloggt)
Login
Registrieren
PlanetDS PlanetGameboy N-Page.de

Mein Leben mit dem Folterknecht

zurück

Autor: Sagat

Kategorie: kolumnen
Umfang: 1 Seiten

Seite   1  

Kommentare:

Kommentieren (-)

Game Boy Advance Artikel vom 24.03.2004


Mein Leben mit dem Folterknecht



Wie bin ich eigentlich auf die wahnwitzige Idee gekommen, bei www.gameboyforeverandeverandever.de mitzuarbeiten? Natürlich, für einen Laien sprechen einige Punkte dafür. Erstens sind die Redakteure allesamt nette und hilfsbereite Leute und man sitzt nur zu leicht dem Irrtum auf, wenn man der Redaktion beitritt, wird man automatisch auch nett und hilfsbereit. Zweitens gibt es jeden Tag viele Menschen, die deine Worte lesen und vielleicht auch noch schätzen. Und drittens - und das mag für viele Nicht-Eingeweihte die Krönung des Redakteursalltags sein - gibt es gratis Spiele zum Testen. Oh, halleluja.

Ich erinnere mich an das grausige Folterknecht Advance, ein Spiel, bei dem man Punkte sammeln musste, indem man anderen Leuten an verschiedenen Körperteilen möglichst große Schmerzen zufügte. Ich weigerte mich, es auch nur länger als dreißig Sekunden zu spielen.

"Es geht nicht", sprach ich zum Chef, der sonst ein verständnisvoller Mensch ist. "Es ist menschenverachtend und brutal! Menschen werden aufs Schlimmste gequält und verstümmelt! Ich meine - kein Problem für mich und so. Das könnte ich ja alles noch verzeihen, aber das ganze macht einfach keinen Spaß!" - Der Chef blieb verständnisvoll, aber bat auch um Mitgefühl für die Entwickler des Spieles, die ein Recht darauf hatten, dass ich ein objektives Urteil darüber fälle. Ich testete das Spiel also tatsächlich. Das führte zur Trennung von meiner Freundin Josephine, die dachte, ich liebe es, derartige perverse und schlecht gemachte Sachen zu spielen.

Ich sagte nein, ich hasse sowas regelrecht, darauf antwortete sie: "Warum spielst du es dann?"

Ich sprach: "Weil ich eine Verantwortung den Entwicklern gegenüber habe!"

Sie daraufhin: "Und mir gegenüber hast du keine Verantwortung?"

"Jaaa, das weiß ich ja, doch ich arbeite nun einmal bei dieser Seite..."

"Wenn demnächst das Spiel Betrüg-deine-Freundin Advance herauskommen würde, würdest du es auch so intensiv testen, ja?"

"Ich... äh, ich, hör mal, mach da doch jetzt kein Drama draus!"

"Antworte mir!"

"Jaa, ich würde es wahrscheinlich testen. Unsere Leser haben ein Recht darauf..."

"Lebwohl."

Peng, die Tür war zu. Nachdem ich einen bitteren Test geschrieben hatte, vergrub ich Folterknecht Advance ganz hinten im Garten, hinter dem Stachelbeerbusch, wo die Hunde immer hinpinkeln. Ich hatte es überstanden - dachte ich. Doch aus irgendeinem Grunde verkaufte sich Folterknecht Advance (das übrigens wider Erwarten nicht von der BPjM indiziert wurde, da es das Berufsbild des staatlich geprüften Diplom-Folterknechtes exakt wiedergab) wie warme Semmeln im russischen Winter. Die Kinder liebten es. Das war das erste Mal, dass ich am Geisteszustand der Leser zweifelte. Ich meine, klar, ich war selbst einer von ihnen gewesen, bevor ich in den Olymp der Redakteure aufstieg, aber mein Gott, wie konnten sie sich nur so blenden lassen?



Ein halbes Jahr später stand Folterknecht Advance II in den Startlöchern - dasselbe öde Spielprinzip, nur mit einer Erweiterung: die Programmierer hatten dem Gefolterten ein zusätzliches Bein anprogrammiert. Außerdem konnte man nun pixelige Daumenschrauben freispielen. Der Publisher, TortureMe Games, rührte für das Spiel ordentlich die Werbetrommel und machte ein unglaubliches Tamtam. Tatsächlich fand ich plötzlich im RTLII-Nachmittagsprogramm eine Folterknecht-Anime-Serie. Es ging um einen kleinen stachelhaarigen Jungen, dessen größter Traum es war, ein echter Folterknecht zu werden und berühmte Persönlichkeiten quälen zu können. Es war hanebüchener Schwachsinn, doch Massen von Kindern schauten es sich an und bettelten anschließend ihre Eltern an, ihnen glühende Eisen zu kaufen.





Folterknecht Advance - die zarteste Versuchung seit Spirit dem Mustang





Und dann kam die Zeit, da unser Testmuster von Folterknecht Advance II in der Redaktion eintrudeln sollte. Allen war klar, dass ich, der ich den Vorgänger getestet hatte, mich nun auch an den nächsten Teil machen sollte. Ich kann nur sagen, diese Zeit des bangen Abwartens war zu viel für mich, jeden Abend weinte ich mich in den Schlaf, was meine neue Freundin Jeanne in Angst und Schrecken versetzte, weil sie dachte, mit ihr stimme etwas nicht.

Bis mir eines Tages der Chef verkündete, mein Exemplar von Folterknecht Advance II sei auf dem Weg zu mir. Und tatsächlich! Am nächsten Tag klingelte es an der Tür. A-ha, dachte ich. Das muss der Postbote sein.

Ich öffnete, und vor der Tür stand ein Mann in einem Anzug. Er trug sein Haar zurückgekämmt und einen Präsentkorb in der Hand, mit Salami, Schokolade und Stiefmütterchen drin - und zuoberst lag Folterknecht Advance II, mit einer neckischen kleinen Schleife verziert. Ich wollte gerade etwas sagen, da fing der Mann an zu singen. For he's a jolly good fellow, alle drei Strophen. Ich wusste gar nicht, dass es mehr als eine gibt. Sicher hatte er die letzten beiden extra für mich gedichtet. Nachdem er fertig war, entstand eine unbehagliche Pause. Dann drückte mir der Mann den Korb in die Hände und verbeugte sich.

"Göstattön", sprach er mit französischem Akzent, "isch bin Pierre-Marie deTutu, dähr Publicrelations-Leitöör von TortureMe Games. Isch freuä misch, ihrö Bökanntschaft su machön." Er schüttelte mir stürmisch meine Hand, sodass in dem riesigen Korb, den ich immer noch verzweifelt umklammert hatte, etwas klimperte; vermutlich steckten einige Weinflaschen drin. "Isch bringö Ihnön 'eutö pärsönlisch Ihre Exemplar von die Spiel Foltörknächt Advance II und möschtö Sie bittön, dass Sie es fair bäwärtön."

Hinter mir in der Tür war nun Jeanne erschienen, noch ganz verschlafen, es war ja schließlich erst 12.30 Uhr und wir waren rechtschaffene Studenten. "Wer ist dieser Mann?", fragte sie erschrocken. Pierre-Marie deTutu drängte sich an mir vorbei, in die Wohnung. "Aaaaaah, das ist wohl die Frau des 'ausös?" Er ergriff ihre Hand und küsste sie schmatzend ab. Daraufhin sagte er irgend etwas auf Französisch. Jeanne wurde tatsächlich rot. "Wie ist Ihr Namö?", fragte er sie. "Jeanne." - "Ohhh, Jeanne, eine frongsösisches Namö!" Er wandte sich an mich. "Sie müssen eine glücklisch Mann sein, Monsieur!" - "Nunja, ich wollte eigentlich gerade..." - "Isch will nischt längör störön, isch 'offe, Ihnen gefällt die Spiel und das Korb." Er kam mit seinem Gesicht näher an meines heran. "Wir wärön sääähr traurisch, wenn Ihnen das Spiel nischt göfällt, värstähän Sie? Säääähr traurisch!"

Ich verstand, und sobald der Mann unter tausenden Komplimenten aus der Tür verschwunden war, stürzte ich zum Telefon und rief den Chef an.



"Bei mir war gerade so ein Mann, der hat mir das Spiel gebracht..."

"Aah ja, Monsieur deTutu."

"Er hatte einen Korb mit Salami und hat meine Freundin geküsst!"

"Ja, ähm, das macht er manchmal. Hör mal, du musst verstehen-"

"Nee, Moment, Moment, komm mir jetzt nicht mit der Verständnismasche, ich habe genug davon, Spiele aus reiner Menschenfreundlichkeit zu testen!"

"Du verstehst nicht. Es war sein ausdrücklicher Wunsch, uns das Spiel persönlich zu überbringen."

"Ist ja alles schön und gut, aber mir riecht das alles nach Bestechung-"

"Bestechung? Auf keinen Fall. Du lässt dich hoffentlich nicht von anderen Sachen beeinflussen als von diesem Spiel..? Wir sind durch unsere Unbestechlichkeit erst so erfolgreich geworden. Bedenke, wir sind die zweitgrößte deutschsprachige GBA-Seite, nach www.PlanetGameboy.de. Also, teste das Spiel, aber teste es objektiv. Ich dachte, du wärst so professionell, das auseinanderhalten zu können."

"Moment, hast du nicht gerade gesagt..."

"Ich glaube aber trotzdem, dass sich für Folterknecht Advance II eine recht gute Wertung rausschlagen lässt, so schlecht ist das Spiel ja auch wieder nicht. Schließlich hat uns TortureMe Games schon zugesagt, uns im November bei unserer Deutschlandtour zu unterstützen..."

"Sorry, aber das klingt mir schon wieder ziemlich nach Bestechung..."

"Jetzt reichts mir aber mit deiner Paranoia! Bestechung hier, Bestechung da! Denk daran, wir sind erst durch die Unterstützung durch die Spielefirmen so erfolgreich geworden. Schließlich sind wir die..."

"..jaja, ich weiß, zweitgrößte Scheiß-GBA-Seite in Scheiß-Deutschland."

"Hey, Moment mal, höre ich da eine Spur Bitterkeit?"

"Wie käme ich denn dazu?"

"Teste das Spiel, und alles läuft wie gewohnt. Ja?"

"Ich werde dir sagen, was ich mache. Ich schmeiße das Spiel in den Müll, das werde ich tun!"

Damit hatte ich aufgelegt.



Wer wird denn gleich in die Luft gehen?



Ich lief tobend durch die Wohnung, während Jeanne immer noch wie betäubt vor der Tür stand. "Ich schmeiß es weg! Ich schmeiß es einfach in den Müll und teste es nicht, dann können die feinen Herren sehen..." - Nachdem ich eine Weile getobt hatte, dachte ich aber an die armen Entwickler, die ihr Herzblut in das Spiel gesteckt hatten, um zum Beispiel ihre hungernden Familien durchzubringen, nur, damit ich es in den Müll schmiss..? Nein, das konnte ich nicht machen. Ich holte meinen GBA und steckte das Modul (in blutroter Farbe gehalten) in den Schacht.



Dies war wieder einer der Abende, an denen ich mich in den Schlaf weinte. Am nächsten Morgen wurde ich von meinem eigenen lautstarken Weinen geweckt. Jeanne versuchte, mich zu trösten. "Komm", sagte sie. "So schlimm kann es dir doch gar nicht gehen. Schließlich bist du Besitzer des exklusiven Games Jeanne Advance!" Damit küsste sie mich. Ich seufzte und schloss sie in die Arme. Da klopfte es wild am Fenster. Ich schaute alarmiert auf - brannte das Haus? Am Fenster hing Pierre-Marie de Tutu und gestikulierte wild. Tausend Verwünschungen ausstoßend, ging ich hin und öffnete das Fenster. "Isch wolltä nischt störän, abär isch 'abä 'ier diese Wein aus meinö 'eimatstadt und wolltö fragön, ob Sie denn mit die Täst vorankommän?"

Ich fragte mühsam beherrscht: "Wieviel Punkte wären Ihnen denn genehm?" - "Was isch eigentlisch fragön wolltö, kann isch mir Ihr Modul ausleihen? Unsörö Fabrik ist niedörgöbrannt und es ist die einzischö Datönträgör, wo das Spiel erhaltön ist!"

"Sie meinen... ich habe das einzige noch existierende Exemplar dieses Spieles unten in meinem Gameboy stecken?" - "Exactement!" - "Gut. Wissen Sie nämlich, was ich jetzt mache?" - "Quoi?"

Damit ging ich mit schnellem Schritt die Treppe hinunter in Richtung Küche. An der Haustür klingelte es. Ich riss sie im Vorübergehen auf - der Chef. "Ich wollte nur mal schauen, ob es dir auch gut geht, du klangst am Telefon so..." - ich ließ ihn stehen, ging in die Küche und riss das Modul aus dem GBA. Zur Tür herein stürzte de Tutu und schrie: "'alten Sie ihn auf! Er will die Modul serstöränn!" - "Wie bitte?" Der Chef war verblüfft.




Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss...



"Ja", sagte ich mit zitternder Stimme. Ich hatte einen leicht irren Blick bekommen. Langsam schritt ich in Richtung Mikrowelle. "Ja, ich werde es zerstören. Und ich sage euch auch, warum." - "Warum?!", schrien deTutu, der Chef und Jeanne wie aus einem Munde.

"Das will ich euch sagen. Schaut euch doch einmal an, was aus euch geworden ist!"

Die drei schauten sich gegenseitig an, konnten aber anscheinend nichts Besonderes feststellen. Währenddessen plazierte ich das Modul in der Mikrowelle und klappte sie zu. "DeTutu, für gute Verkaufszahlen tun Sie doch alles, auch, wenn es heißt, schlechte Spiele auf Teufel komm raus zu vermarkten, damit sie Ihnen möglichst viel Geld einbringen. Was ist aus der Kunst des Spielemachens geworden?" - DeTutu druckste herum. Ich stellte die Mikrowelle auf 700 Watt. "Und Chef - merkst du nicht, wie du dich beeinflussen lässt? Geht es dir wirklich darum, die Leser objektiv zu informieren, oder darum, die zweitgrößte deutschsprachige Dingsda zu bleiben? Denkt doch einmal daran, was uns verbindet!", rief ich. Im Hintergrund setzte sanfte Geigenmusik ein. "Die Liebe zu den guten Spielen, zu dem Spaß, dem man damit haben kann. Natürlich ist es in Ordnung, wenn man damit Geld verdient - sofern man es aber auch wirklich verdient! Es geht alles den falschen Weg, wenn man die Spiele als Mittel zum Zweck sieht, schnell und einfach Geld zu machen, beziehungsweise als Mittel, um an Bekanntheit zu gewinnen. Besinnen wir uns auf das Ursprüngliche zurück! Ihr bemüht euch, qualitativ hochwertige Spiele zu produzieren, und wir bemühen uns, objektiv zu testen! Wenn beide Parteien es so machen, werden die Spiele immer besser und besser!"



Den drei Leuten standen die Tränen in den Augen. Die Hintergrundmusik schwang sich in ungeahnte Höhen. "Lasst uns doch alle Freunde sein!"

Der Chef konnte als erster nicht mehr an sich halten. "Ich liebe euch, Leute!", schrie er weinend.

"Isch liebö eusch auch", kreischte deTutu, "und äs tut mir leid, dass isch so schleschte Spiele zugölassen 'abö!"

Jeanne rief: "Ich liebe dich, Chris, du bist ein echter Held! Und wenn die hier alle weg sind, möchte ich dich dafür entsprechend belohnen!"

"Und zur Bekräftigung", sagte ich, "werde ich dieses minderwertige Stück Spiel in der Mikrowelle grillen."

"Nein!", rief deTutu. Ich drehte mich um. Er kam auf mich zu.

"Isch möschte selbst das Knopf drückän."

Pierre-Marie deTutu drückte den Knopf, die Mikrowelle sprang an und der Glasteller mit dem Modul darauf drehte sich langsam um sich selbst. Im Raum machte sich ein stechender, verschmorter Geruch breit. Ich klopfte de Tutu auf die Schulter.

Der Chef klopfte währenddessen mir auf die Schulter. "Ich bin stolz auf dich."

Jeanne warf sich mir an den Hals und gab mir einen stürmischen Kuss. "Und jetzt essen wir alle lecker Apfelkuchen!" - "Au fein!", rief der Chef, der solche Angebote prinzipiell nie abschlägt.



Ein Anfang war gemacht, und wir waren alle stolz auf unser Werk, auch wenn wir später am Nachmittag mit Rauchvergiftung ambulant im Krankenhaus behandelt werden mussten. Der geläuterte deTutu brachte seine Vorschläge auch tatsächlich dem Vorstand von TortureMe Games vor... und wurde gefeuert - mit einer saftigen Schadensersatzklage am Hals.

Und siehe da - ein paar Monate später klingelte es bei mir, und vor der Tür stand ein neuer Publicrelationsmann... mit einem nigelnagelneuen Auto für mich, auf dessen Dach eine riesige Torte prangte. Die Torte hatte fünf Stockwerke, und ganz, ganz oben war in das Sahnehäubchen das Modul von Folterknecht Advance Ultra gesteckt - mit einem neckischen rosa Schleifchen verziert.




Alles für die Katz...



Christian Luscher | Sagat für PlanetGameboy.de - Advance Your Mind


Vielen Dank an Dawid Oczkowski | Blitzratte für das Design des Folterknecht Advance-Packshots und an Garfield, den Kater von Sams.



Wir weisen darauf hin, dass alle in diesem Text vorkommenden Ereignisse und Personen frei erfunden sind. Ähnlichkeiten mit lebenden, toten oder sich momentan im Sterbezustand befindlichen Personen wären rein zufällig.

< vorige Seite Seite   1   nächste Seite >